DORNENREICH
Interview mit Eviga


Wie geht es Dir?
Danke, mir geht es gut.

Wie bist Du bisher mit den Reaktionen auf "Hexenwind" zufrieden? Es gibt ja sehr unterschiedliche Meinungen...
Die Reaktionen sind leidenschaftlich und umfangreich, dafür, dagegen, - aber nur sehr selten steht jemand dem Album gleichgültig gegenüber. Ich kann mir keine wünschenswerteren Reaktionen vorstellen.

Wie kam es, dass "Hexenwind" so ruhig ausfiel?
Uns schien es bedeutsam, dem Album einen meditativen, ja fast schon schamanischen Grundcharakter zu verleihen. Deshalb setzten wir bewusst reduzierte, schlichte Strukturen ein. Zudem ist uns die Ebene zwischen allen Tönen und Worten des Albums sehr wichtig. Wir waren bestrebt, nährender Stille ebenfalls Raum zu bieten. In gewissem Sinne stellen wir also Sein und Schaffen in einen gemeinsamen künstlerischen Rahmen. Die vielen feinen Arrangements über und unter der hypnotischen Basis sind überwiegend subtil und gemahnen so an das Mysterium des Lebens an
sich, das seine Natur auch nie wirklich preisgibt.

Wie kam es zu dem Titel "Hexenwind" und was verbindest du mit diesem Wort?
Im Begriff „Hexe“ treffen für mich sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander und so symbolisiert die „Hexe“ für mich auch eindringlich die Dualität unseres Lebens. Zum einen stellt man sich unter einer „Hexe“ eine böswilliges - in Märchen und Sagen beheimatetes - Wesen vor, zum anderen stehen hinter dem Wort „Hexe“ historische Frauen, die mit den Geheimnissen der Natur vertraut waren. Somit verschwimmen in dem Bild der „Hexe“ auch Kategorien wie Traum und Wirklichkeit, was ich sehr, sehr reizvoll finde.
„Wind“ ist ein im Grunde unsichtbares Phänomen, das man kaum berechnen und nur an seinen Auswirkungen auf die Umwelt fest machen kann
und eben dieses Wesen haben menschliche Gedanken, Wünsche und Gefühle … Zusammengeführt bildet die Silbenfindung „Hexenwind“ also ein sehr geheimnisvolles, assoziationsreiches Ganzes.

Mit welchen 3 Worten würdest Du "Hexenwind" am ehesten beschreiben? Mir fallen spontan die Begriffe "mystisch", "verträumt" und "naturverbunden" ein.
Ursprünglich - beseelt - sehnsuchtsvoll.

Wie entsteht bei Euch die Musik? Und stehen die Texte schon vorher fest, oder werden sie erst passend zum Song geschrieben?
Die Entstehung der Musik verlief im Falle des neuen Albums völlig intuitiv. Wir reicherten den Grundstrom von Gitarren und Schlagzeug immer wieder mit weiterführenden Ideen an und hatten beide - gemäß unserer gemeinsamen Vision - Einfälle für die unterschiedlichsten Instrumente und Bereiche des Albums. Die Texte schrieb ich spontan nach den inneren Bildern und Gefühlen, die beim Hören der Musik in mir aufstiegen.

Würdest Du Dir wünschen oder ersehnen, dass die Welt so wäre, wie Du es in den Texten beschreibst? Dass die Fantasie quasi zur Wirklichkeit wird?
Es geht in „Hexenwind“ ja gerade um Fantasie bzw. Vorstellungskraft im Sinne eines gestaltenden, kreativen Bewusstseins. Gedanken, Wünsche, Gefühle und innere Bilder sind der erste Schritt der Tat. Wenn wir dann z.B. einen Gedanken aussprechen, dringt er schon wesentlich konkreter in die Wirklichkeit und in der Handlung findet schließlich das seinen konkreten Ausdruck, was in unserem Inneren seinen unsichtbaren Anfang nahm.

Wie würdest Du Eure Musik derzeit beschreiben? In welchem Genre würdest Du sie grob einordnen?
Vielleicht einfach mit „Deepblue Earthrock“. „Hexenwind“ ist für mich eine verzauberte, melancholische und besonders sehnsuchtsvolle Nachtspielart von Weltmusik und wohnt tief im Herzen der (deutschen) Romantik. Es ist seinem Klanggewand nach erdig und seinem inneren Wesen nach seelenweit sphärisch.

Auf "Her von welken Nächten" habt ihr bewiesen, dass ihr technisch einiges auf dem Kasten habt. Beim neuen Werk spricht die Musik für sich, und die Arrangements sind simpler gestrickt, was sie aber nicht zwangsweise abwertet. Ihr habt Euch einfach auf das Wesentliche konzentriert, die Melodie- und die Textentfaltung. Durch den einfach gehaltenen Drumbeat kann sich jede Melodie perfekt vertiefen. Berichte doch bitte einmal, wie diese Entwicklung zustande kam. Ich hörte, Ihr habt viele Ideen, die vor diesem Album standen, wieder verworfen...
Warum wir uns für vereinfachte Strukturen entschieden, ist ja weiter oben schon mitbeantwortet worden. An dieser Stelle möchte ich daher bloß noch erwähnen, daß wir tatsächlich etwa 100 Minuten für „Hexenwind“ aufnahmen, uns aber letztlich für jene Stücke entschieden, die die sehnsuchts- bzw. ahnungsvolle Essenz  des Albums in konzentriertester Form in sich trugen.

Gebe doch bitte eine Kurzbeschreibung zu jedem Song des neuen Albums ab, ob textlich oder musikalisch...beides ist auch recht :)
Da mittels des Albums die individuelle Vorstellungskraft des geneigten Hörers angeregt werden soll, möchte ich hier nicht meine subjektive Sicht auf die Stücke des Albums darlegen. Nur soviel: jedes Stück bildet für sich eine Etappe einer sehr persönlichen Reise, die jeder Hörer anzutreten eingeladen ist. Die Geheimnisse des Albums werden für jeden einzelnen andere sein, da „Hexenwind“ vermöge seiner hypnotischen Arrangements die innere Stimme des geneigten Hörers finden und mit einbinden möchte.



Was machst Du eigentlich neben der Musik? Welchen Hobbies gehst Du nach?
Zumal wir durch die Musik im Grunde gar nichts verdienen und sie also in gewissem Sinne in der Tat eine „Leiden-schafft“ ist, arbeite ich in Teilzeit in Innsbruck und liebe es darüber hinaus, mich mit Filmen, Hörspielen, Landschaftserkundungen, Büchern und verehrten Wesen zu befassen.

Da Ihr lyrisch sehr anspruchsvoll seid, und Euch wohlwollend von anderen Bands des Düstersektors abhebt, denke ich, dass ihr Euch auch im Bereich Filme und Bücher mehr für die kunstvollen Veröffentlichungen und Werke begeistern könnt. Liefer doch bitte ein paar Eindrücke...
Nun, da weiß ich gar nicht, womit ich beginnen soll, denn ich bin durchaus eine waschechte Leseratte und ein manischer Cineast …Also, Filme bzw. Literaturverfilmungen:
The Hours, High Fidelity, My Summer of Love, Don Juan, Gilbert Grape, Blair Witch Project, Nell, Der Untergang, Kinsey, Der letzte Mohikaner, Der mit dem Wolf tanzt, Frida, Les Miserables, Braveheart, Ravenous, Chocolat, Le Mari de la Coiffeuse, Die Bartholomäusnacht, Requiem for a dream, Interview mit einem Vampir, The Ring (US), Das Meer in mir, Das Leben des David Gale, Der Kaufmann von Venedig, Gegen die Wand, Moonlight Mile, The Notebook, Memento, Die fetten Jahre sind vorbei, Gothic, Der Pianist, Schindlers Liste, Napola, Sophie Scholl, Eternal sunshine of the spotless mind, Von Mäusen und Menschen, Die Klavierspielerin, Lolita (mit Irons und Swain), The Virgin Suicides, Gangs of New York, Im Namen des Vaters, Der Name der Rose, Event Horizon, Arizona Dream, Legenden der Leidenschaft, Aus der Mitte entspringt ein Fluss, Million Dollar Baby, 15 Minuten Ruhm, Boys don’t cry, Philadelphia, Was vom Tage übrig blieb, Matrix (1), Zwielicht, Fight Club, Die Manns, Amadeus, Mit meinen heißen Tränen, Big Fish, Der Herr der Ringe …
Literatur: Licht, Der Steppenwolf, Echo der Seele, Das Portrait des Dorian Gray, Narziß und Goldmund, Der Prophet, Aus dem Leben eine Taugenichts, Der Tanz in den Tod,
Die Elixiere des Teufels, Die Verwandlung, Der Tod in Venedig, Der kurze Brief zum langen Abschied, Die Stunde der wahren Empfindung, Die geistigen Gesetze, …

Eure sämtlichen Alben, wie auch das neue, sind in wenigen Farben, meist grau, blau und schwarz gehalten, und vom gestalterischen Aspekt sind sie eher schlicht gehalten, was viel Freirum zur Interpretation lässt. Was hat es damit auf sich? Strahlen diese Farben für Dich eine bestimmte Faszination aus, und habt ihr auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, ein klareres, farbenprächtigeres Bild, welches beispielsweise im Fantasy-Stil gezeichnet ist, zu verwenden?
Insbesondere im Rückblick finde ich es persönlich schön, dass wir uns bereits zu Zeiten von „Nicht um zu sterben“ - im Alter von sechzehn Jahren - für ein derart
unkonventionelles, schlichtes Cover entschieden. Ich weiß noch genau, dass manche Läden sich damals weigerten, das Album mit diesem Cover in die Regale stellen. Es war zwar nicht blutig, aber es war sehr radikal minimalistisch. Auf unseren letzten drei Alben gewann die Farbe Blau an zentraler Bedeutung; zumeist ein Nachtblau, das wir ganz bewusst vor dem Hintergrund der „Blauen Blume“ der Romantik wählten.
Tatsächlich ging unser Demo-Cover noch eindeutig in die von Dir angesprochene Fantasy-Richung. Davon kamen wir aber sehr rasch wieder ab.
Uns war es stets wichtig, dass das Artwork der Alben in ästhetisch schlichter Weise auf die Grundstimmung des Albums verweist, ohne sich selbst allzu weit in den Vordergrund zu rücken.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr das typische Motto "Sex, Drugs and Rock´n Roll" verkörpert oder als Lebensmotto anseht. Welches Credo würde besser zu Dir passen?
Liebe, Kunst, Natur - eine neoheidnische Abwandlung des obigen Mottos also …

Ihr strebt ja ständig nach Weiterentwicklung. Habt ihr schon Vorstellungen, in welche Richtung sich Eure Musik in Zukunft entwickelt. Werden wieder vermehrt metallische Elemente Einzug in die Musik halten?
Diesbezüglich ist noch nichts spruchreif. Vielmehr steht alles noch in den Sternen.

Zu Debutzeiten hätte ich Euch definitiv als Black Metal bezeichnet. Welche Bands haben dir früher Hörvergnügen bereitet, wenn es um Black Metal geht, und gibt es auch heute noch Bands, die Dich begeistern können?
Bands bzw. Alben, die mich aus diesem Bereich nach wie vor berühren, sind z.B. : Ulvers Trilogie, Kvist - For Kunsten ma vi evig vike, Ved Buens Ende - Written in Waters und Those who caress the pale, Gehenna - First Spell und Second Spell, The 3d and the Mortal - Sorrow und Tears laid in earth, Emperor - In the nightside eclipse und Anthems to the welkin at dusk, Obtained Enslavement - Soulblight, die ersten beiden Borknagar-Alben. Speziell fasziniert mich die Tatsache, dass jede, der genannten Bands, absolut individuell vorgeht und klingt, obschon man ähnliche Grundstimmungen erkennen kann.

Welche Musik hörst Du privat an, und welche Musik kannst Du Dir überhaupt nicht geben?
Ich bin im Prinzip für jede Musik offen, die mich in irgendeiner Weise anregt oder berührt. Tendenziell spricht mich aber Musik, die elektronisch eingekleidet ist, weniger an, als solche, die sich „traditioneller“ Instrumente bedient.

Bei uns in Deutschland ist es seit einiger Zeit sozusagen "normal", daß sich auf Metalkonzerten Sympathiesanten der rechten Szene tummeln, oder zumindest einzeln auftauchen. Wie ist das bei Euch in Österreich und wie bewertest du diese Sache?
Seit unserem Wacken-Auftritt im Jahre 2002 bin ich bei keinem Metal-Konzert mehr gewesen, doch ist es für mich unbegreiflich, wie man sich als denkender, fühlender und geschichtsbewusster Mensch mit derartigen Systemen anfreunden kann - egal unter welchen Voraussetzungen oder Lebensumständen.

Was war das letzte Konzert, das Du besucht hast?
Das waren Faun auf der Festung zu Golling (Salzburg). Eine wirklich belebende Erfahrung.

Und die letzen 3 Alben, die Du Dir gekauft hast?
Medieval Baebes - Best of, Triskilian - Werltenklanc, Omnia - Sine Missione.

Welche Ratschläge würdest Du jungen, aufstrebenden Bands mit auf den Weg geben?
Da bin ich überfragt. Es gab vor zehn Jahren, als wir unsere ersten Probe-Mitschnitte machten, schon keine wirklichen Anhaltspunkte mehr.

Und als abschließende Frage: Welches Fleckchen in Österreich würdest Du sofort als Urlaubsziel empfehlen?
Das Waldviertel, das Mölltal, das Inntal, die Stadt Salzburg, … es gibt in ganz Österreich zahllose schöne Fleckchen (und nein, Dornenreich wird nicht von der Österreich-Werbung gesponsert … ;-)).

Das war´s dann auch schon. Nun darfst Du loswerden, was Du schon immer loswerden wolltest...
Dass ich eigentlich nichts mehr loswerden bzw. mir aus den Fingern saugen möchte, das loszuwerden, ist eine feine, ehrliche Sache. Vielen Dank für die interessierten Fragen, Peter!


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