AMORAL
Ben

Die anno 1997 als Thrash Metal-Band gegründeten und später zum melodischen Death Metal mit progressiven Einflüssen evolutionierten AMORAL veröffentlichten via Spikefarm vor kurzem ihr zweites Langzeitspielwerk „Decrowning“. Nimmt man den Titel wörtlich, so will man in der erwähnten Nische der Stilistik den Großen gehörig Konkurrenz machen. Wenn man die kompositorische Leistung als Ausgangspunkt nimmt, dann entwickelt sich hier ein kleiner Bruder der Amott-schen Bande – obgleich es aufgrund des geringeren Budgets der Jungs am Sound hier und da etwas zu verbessern gäbe.
Wie man schon beim erstmaligen Hören des neuen Werkes vernimmt, hat man am Klang der eingängigen und trotzdem anspruchsvollen Musik ein paar Schwächen ausmerzen können, meines Erachtens aber auch etwas zurück geschraubt. So ertönen die Gitarren wesentlich fetter aus den Boxen, wobei der Transistorklang auch um ein Weiteres verstärkt wurde. Die Drums, insbesondere die Bassdrums, wurden trockener und etwas klinischer eingetriggert. Im großen Ganzen lässt sich dies sicher auf den Wechsel des Studios nebst Mischers zurück führen, da man sich diesmal nicht im Sonic Pump in Helsinki verschanzte, sondern eine Autostunde weiter in Hämeenlinna im Sound Supreme unter Leitung Janne Saksas (Pain Confessor, Naildown) in nur zwei Wochen das Zweitwerk einholzte. Was sagt man, nachdem eine gewisse Zeit ins Land der Tausend Seen verstrichen ist, über den Silberling selbst? "Yeah, es tut gut, das Album endlich nach einer angebrachten Pause zu hören und man ist immer noch damit zufrieden.", schreibt 6-Saitenkünstler Ben in typisch-finnischer, kurz angebundener Manier, "Ich weiß nicht, ob das eine oder andere Studio besser ist, aber wir hatten viel Gutes über Janne Saksa gehört und mögen seine bisherigen Arbeiten. Der Gitarrensound ist in der Tat besser, als auf dem ersten Album, aber eigentlich klingen die Drums diesmal natürlicher, darum ist es für mich komisch, dass du das sagst." Dann müssen die Bassdrums in Finnland wohl doch aus einem anderen Material wie Holz geschnitzt sein, aber nun gut. Trotz des noch recht jungen Alters von momentanen 21-23 Jahren beherrscht man die Instrumente, als wenn man schon seit Ewigkeiten spielen würde. Im zarten Alter von 15 Jahren gründeten sie die Kapelle, die für alle Beteiligten auch die erste ist, in denen sie gespielt haben, bzw. noch immer die Äxte und Knochen schwingen.


Wie schon auf dem Debut hat sich auch auf "Decrowning" ein Instrumental eingeschlichen. Ganz im Kuschelstil von 'Languor Passage' ist nun auch 'Warp' für die weiche Fraktion der Hörerschaft geschaffen. Sicher stammen diese gezupften Harmonien wieder von Gitarrist Silver, oder? "Ja genau, er wurde auch wieder mit Silver ausgearbeitet. Im Grunde genommen besteht er aus Riffs von anderen Songs auf dem Album und fungiert als eine Art Intro für den letzten Song 'Bleeder'. Wir sehen ihn aber nicht im gleichen Licht wie ' Languor Passage'...".
Mittlerweile kann man ja auch das Video zu 'Bleeder' auf der Heimseite der Band saugen, das das Quintett bei einer Live-Performance zeigt, denn live zu spielen, gehört zu den Lieblingsaufgaben der Jungs. So konnte man als Anheizer für Naglfar und Finntroll dieses Jahr bereits einiges an Erfahrung sammeln können und hatte nebenbei eine lustige Zeit mit den Landsmännern. Wer kam eigentlich auf die Schnapsidee beim letzten Gig in Münster-Breitefeld (Die Live-Arena musste mittlerweile die Pforten für eine Disco für osteuropäische Auswanderer schließen – RIP – Anmerk.d.Verf.) in einem, aus Pappe gebastelten, Wikingerschiff während des Naglfar-Gigs über die Bühne zu schippern? "Ja, wir hatten ´ne Menge Spaß auf dieser Tour! Wer allerdings auf die Idee kam, mit dem Wikingerschiff über die Bühne zu segeln, weiß ich nicht mehr so genau, aber eigentlich wurde die Idee schon während der Tour geboren. Samu von Finntroll meinte über einen Song von Naglfar während des Soundchecks, dass er klingt, als würden Wikinger in einem Boot paddeln. Ein paar lustige (und auch weniger erfreulichere) Dinge sind auf dieser Tour passiert. Zum Beispiel haben wir unseren Mischer an der schweizer Grenze ohne Pass und Handy vergessen. Erst nach zwei Stunden Fahrt ist es uns aufgefallen, dass er fehlt."


In der Zeit hat der gute Mann wenigstens keine Destiny`s Child und Gangsta Rap ertragen müssen, denn solch Musik hört man sich im Hause AMORAL auch an. Dennoch ertönen ihre Lieder wie eine Mischung aus Dream Theater, Annihilator, Sepultura, diversen Opeth-Licks und Power Metal. "Jepp, wir bezweifeln aber, dass Gangsta Rap Auswirkungen auf unsere Spielweise hat; zumindestens nicht musikalisch - wenn, dann eher durch die 'Leck-mich-am-Arsch'-Attitüde. Und ja, es stimmt. Wir hören noch viel mehr, als nur Metal in seinen verschiedenen Stilistiken. Wen interessiert es, welche Genre es ist, wenn die Musik gut ist? Natürlich steckt Metal in unseren Herzen und wir lieben es, ihn zu spielen. Wir mögen alle Bands, die genannt wurden. Nur der Power Metal ist nicht gerade unser Ding. Wir möchten uns nicht im Geringsten auf nur einen Stil des Metals limitieren, darum vermischen wir alles miteinander."
Vor den Gigs oder Studioaufnahmen legt man übrigens viel Wert auf Proben. Drei bis viermal die Woche ist dann Standard. Nur Juffi (dr.) übt fleißig weiter, wenn die anderen pausieren oder Silver und Ben in ihren Wohnungen an neuen Songs werkeln. Erst separat und später zusammen, damit aus den einzelnen Teilen ganze Werke entstehen. "Grundsätzlich schreiben wir die Songs daheim, nehmen sie auf und geben sie den anderen, damit sie ihre Teile einüben können. Erst danach treffen wir uns im Proberaum und spielen die Sachen gemeinsam. Manchmal zocken wir auch noch ein paar Cover, aber nicht mehr so oft wie früher. Meistens arbeiten wir an unserer anstehenden Setlist für die Gigs, die manchmal auch ein Cover beeinhaltet."
Alle außer Ben studieren neben der Musik 'irgend etwas'. Er selbst hat es hingegen nicht so mit der Schule und ackert als Roadie bei großen Arenenshows oder gibt Gitarrenstunden. "Etwas Kohle kommt durch die Band auch noch rein und so muss keiner einen regulären Job annehmen. Eines unserer Ziele ist und bleibt aber irgendwann mal komplett von der Musik leben zu können." Tja, das ist schwer, aber es haben andere mit weniger Talent auch schon geschafft. Sportliche Talente gibt es zudem in Finnland ja auch noch, doch haben es AMORAL nicht so mit dem Sport. Ben sieht manchmal etwas Eishockey im TV oder steigt mit Niko aufs Snowboard, für was man allerdings kaum noch Zeit findet.
Diese nahm man sich aber, als man zum Tribut-Konzert für Dimebag Darrell (RIP) in Helsinki eingeladen wurde. Welcher Tod ging ihm eigentlich näher ans Herz? Der von Dime oder der von Mieszko von Nasum? "Ich stand noch nie sonderlich auf die Musik von Mieszko, aber Dime ist und bleibt einer meiner Vorbilder auf der Gitarre; deswegen muss die Antwort 'Dime' lauten. Das, was wir ins Booklet des neuen Album geschrieben haben, ist auch wahr. Wir würden niemals so klingen, wie heute, wenn es Pantera nicht gegeben hätte. Sie waren ein großer Einfluß auf uns, als wir noch jünger waren. Speziell Dimes Gitarrenarbeit, sei es nun das Rhythmus- oder Lead-Spiel, inspirierten mich in großem Maße und tun es auch noch forthin."
Dann verbleiben dem Sex, Drugs and Rock'n'Roll-liebenden Gitarristen nur noch die letzten Worte an die Leser: "Danke an Euch! Ich hoffe, wir sehen uns auf Tour!"



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Verfasser:
Trabi

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