BLIND GUARDIAN
Interview mit Hansi Kürsch

„Wir haben ein paar Warm-Up Shows gespielt, die recht erfolgreich waren, und haben dann vorrangig Promotion gemacht – das zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten drei Monate und wird auch noch ein paar weitere Monate so sein, bis wir eben auf Tour gehen.“, schallt es mir von einem sehr redseligen Hansi Kürsch, seines Zeichens Sänger der Krefelder Barden, auf meine Frage nach den Vorkommnissen der letzten Zeit aus dem Hörer entgegen. Neben der Promotionarbeit zur Anfang September in den Läden stehenden, neuen Langrille „A Twist In The Myth“, hat das Quartett auch noch einen Videoclip zum Song „Another Stranger Me“ gedreht: „Es ist ein schönes Video geworden. Blind Guardian endlich einmal in einer professionellen Produktion. Jetzt muss man eben mal abwarten, ob die Sender damit klar kommen, ob der Song halbwegs Anklang findet… die Klassiker eben, mit denen man sich immer herumzustreiten hat, wenn man ein Metalvideo macht.“. Dass der Song dafür ein klein wenig gekürzt werden musste, sieht Hansi Kürsch nicht weiter tragisch. „Alles was viel länger als drei Minuten ist, wird definitiv nicht gespielt. Wir konnten die Nummer, und haben sie deshalb auch gewählt, auf ungefähr 3:25 Minuten schneiden. Das war die Toleranz, die wir uns gefallen lassen konnten, es verstümmelt den Song nicht und funktioniert ganz gut. Wir haben zwar große Teile des Solos und ein paar Breaks ausgelassen, aber der Inhalt des Songs wird eigentlich 1 zu 1 transportiert.“

Was direkt beim ersten Hördurchgang auffällt, ist die Tatsache, dass „A Twist In The Myth“ nicht so überfrachtet wirkt, wie vielleicht noch der Vorgänger „A Night At The Opera“. Auch Hansi ist mit dem letzten Longplayer nicht mehr vollkommen zufrieden: „Vollkommen ist so eine Definitionssache. Ich bin immer noch der Meinung, dass wir das, was wir machen wollten, konsequent umgesetzt haben. Aber es gab eben auch ein paar Fehler, die hier einfach offensichtlicher sind. Wir haben einfach zu sehr auf Orchestration geachtet, haben zu viel progressive Vielschichtigkeit eingearbeitet. Im Prinzip fing das bereits beim Songwriting an. Andre und ich haben, anders als bei den Platten zuvor, die Sache nicht gut genug ausdefiniert. Das ist `ne Lehre, die wir selbst daraus gezogen haben und die auch für die Herangehensweise an das Songwriting der neuen Platte wichtig gewesen ist.“.

Auch der neue Mann hinter den Kesseln, der 28 Jahre alte Frederik Ehmke, hat sich gut in die Band eingelebt. Die Zeit, bis man sagen konnte, man sei wieder eine Band aus vier vollwertigen Mitgliedern, verging allem Anschein nach sehr fix: „Ja, das ging ziemlich schnell, aber wir sind immer noch in der Findungsphase. Du kannst schon innerhalb einer relativ kurzen Zeit auf den Charakter einer Person schließen, wenn sie nicht irgendwie total schizophren ist, aber Frederik ist eher jemand, der sehr laid-back und down-to-earth ist, und deswegen würde es mich sehr überraschen, wenn er Chamäleon-artig einfach nur eine Fassade angenommen hätte, die uns gefallen könnte. Er ist ein sehr ruhiger Mensch, der diesen pseudo-hessischen Humor hat, von daher passt das ganz gut rein. Er ist nicht zu unterschiedlich von der niederrheinischen Frohsinnigkeit, wenn man so will. Wir haben ein paar Mal geprobt, ein paar Sessions miteinander gemacht und dann war eigentlich klar, dass das zwischenmenschlich funktioniert. Es ist natürlich schon eine etwas andere Umgehensweise als es zu den herzlichsten Zeiten mit Thomen war, weil wir ja schon ein bisschen älter sind, ein bisschen anders an die Sache herangehen und man die Musik momentan immer noch in den Vordergrund stellt. Bei Blind Guardian war es, denke ich, in den frühen Neunzigern immer so, dass das Zwischenmenschliche fast genauso wichtig gewesen ist. Das soll jetzt nicht heißen, dass wir jetzt nur noch auf Geschäftsbasis miteinander funktionieren, wir sind uns alle sehr nah.“.

Der ‚gemeine Metalfan’ wird sich bei Textphrasen wie „you better come with me, so soon you see“, aus der vorab veröffentlichten Single „Fly“, sicherlich nichts weiter denken und die einprägsame Passage einfach in sein Gedächtnis aufnehmen, ein Hansi Kürsch hingegen setzt beim Entstehungsprozess seiner Texte keinesfalls auf Zufallsprodukte: „Generell ist `Fly´ einer der stärksten Texte, weil er eine extreme Vielschichtigkeit hat. Das ist auch von vielen Leuten übersehen worden, die dann darauf in erster Linie mit ‚ach, Peter Pan’ und ‚kindisch’ reagieren. Aber mit den Hintergründen aus dem Film, der Story und auch dem Song selbst merkt man, dass es tiefer geht. Ich habe, auf Grund der Erfahrungen mit der `A Night At The Opera´-Scheibe, wo wir verdammt viel an den Gesangslinien noch verändern mussten, mehr mit Fragmenten gearbeitet. Ich habe für `Fly´ sehr viele Zeilen an Text, die relativ gut kombinierbar sind, sich gegenseitig definieren und einen Bezug zur Geschichte herstellen. Somit ist es für mich relativ einfach, plakative Sachen in einen Song zu bringen. Wobei die von dir genannte Stelle sicherlich schon sehr offensichtlich ist und die Phrase schon auch musikunterstützend gewählt wurde. Wenn man mit Alliterationen arbeitet, bleibt es einfach hängen.“.



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Verfasser:
Päddl

Datum:
01.10.2006

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