Mit dem dritten regulären Album „Heading Northe“ scheinen die norddeutschen STORMWARRIOR nach einige Rückschlägen endlich voll durchzustarten. Nach einigen überzeugenden Festival- Auftritten konnte man in der Szene mit dem neuen Werk punkten und konstant gute Kritiken einheimsen. Dennoch gab es auch einige kritischere Punkte, die im nachfolgenden Interview angesprochen wurden, bei denen die Band und der Interviewer nicht immer einer Meinung waren. Aber lest selbst.
Das neue Album unterscheidet sich von den Frühwerken ja doch um einiges. Habt ihr eigentlich Angst, die alten Fans zu vergraulen?
Alex: „Nein, wir denken nicht, dass sich Fans der frühen Stunde angegriffen fühlen werden, zumal „Heading Northe“ immer noch all das bietet, wofür STORMWARRIOR seit jeher stehen und das ist reiner Heavy Metal! Natürlich hat sich unsere Musik weiterentwickelt, die neuen Bandmitglieder haben neue Einflüsse ins Spiel gebracht und als Songwriter und Musiker haben wir uns weiterentwickelt. Dennoch ist die Basis die gleiche, wir haben einfach nur unseren Horizont etwas erweitert. Und bisher gab es ausschließlich sehr positive Resonanzen auf das neue Album und da kann man den einen oder anderen Nörgler dazwischen getrost überhören. Wir sind mehr als zufrieden mit „Heading Northe“ und dem Feedback.“
Lars: „Es ist definitiv das unserer Meinung nach stärkste STORMWARRIOR- Album bisher, sowohl vom Songmaterial her als auch von der Darbietung, da kann man nun mal nichts anderes sagen. Es gab schon immer irgendwelche Leute, die rumgemeckert haben, aber das interessiert uns nun überhaupt nicht. Es laufen ja immer noch diverse Leute rum, die der Meinung sind, dass das erste Album schon scheiße war, weil es angeblich zu kommerziell klingt und die ersten beiden Demos sowieso das allerbeste waren, was STORMWARRIOR je gemacht haben. Und der missratene, handgezeichnete, allererste Schriftzug war ja auch viel besser und mein Gesang klingt jetzt wie ein kleines Kind... und überhaupt ist es jawohl eine unverfrorene Frechheit, wenn sich eine Band etwas weiterentwickelt und professioneller arbeitet... Solche unqualifizierten Stimmen werden von mir von vornherein komplett ignoriert. Ich mache das Ganze ja schließlich nicht für irgendwelche anderen Leute (DAS wäre dann nämlich kommerziell...!), sondern hauptsächlich für mich selber. Und ich find das Album, genauso, wie es geworden ist, geil!“
Ihr habt mit Dockyard1 ja auch ein neues Label, das ebenfalls in Hamburg beheimatet sind. Ich habe gelesen, dass das Label Piet Sielck gehört – der ja auch den Mix auf dem neuen Album gemacht hat. Seid ihr über ihn an den neuen Plattenvertrag gekommen oder wie ist das passiert?
Alex: „Stimmt, Piet ist einer der Teilhaber von Dockyard. Allerdings war es keine ökonomische Maßnahme, ihn daher auch für den Mix von „Heading Northe“ heranzuziehen, denn er und die Band stehen schon über lange Jahre in Kontakt und er war bereits für das Debüt als Produzent im Gespräch. Als wir zusammen mit IRON SAVIOR auf dem Bloodstock- Festival 2005 gespielt haben, kamen Lars und Piet schnell über eine mögliche Kollaboration in der Zukunft ins Gespräch. Und das scheint ja jetzt auch prima funktioniert zu haben.“
Lars: „Der Kontakt mit Dockyard kam eigentlich so wirklich erst über Kai von unserem Management zustande. Wie du schon sagtest, kommen die auch aus Hamburg und da läuft man sich ja schon ab und an mal über den Weg und als mit Remedy Records alles geklärt war und wir vertragsfrei für das neue Album sind, lag es nahe, sich mit Dockyard zu unterhalten. Einige der Leute von Dockyard haben ja schon früher bei Noise bzw. später dann Sanctuary gearbeitet und verfügen somit über sehr gute Kontakte weltweit, um die Band besser supporten zu können, gerade auch im Ausland.“
Das neue Label hat sicherlich mehr Möglichkeiten als Remedy Records, gerade was Promotion und Vertrieb betrifft. Was erhofft ihr Euch davon?
Alex: „Das ist doch wohl logisch, dass wir uns eine weitere Verbreitung und intensivere Bewerbung der Scheibe erhoffen, um mehr Fans zu erreichen und dementsprechend mehr Konzerte spielen zu können, gerade auch in Gegenden, wo wir noch nicht allzu präsent waren. Vor allem im Ausland wünschen sich viele Leute, STORMWARRIOR einmal live zu sehen und diesen Wünschen wollen wir natürlich nachgehen. Dockyard unterstützt uns da großartig und lassen viele Kontakte spielen, damit unser Name international ins Gespräch kommt.“
Kai hat mir erzählt, dass in England bereits 3.000 Vorbestellungen zum neuen Album laufen, wie erklärt ihr Euch das, denn England ist ja eigentlich ein Land, das mit traditionellem Metal nicht viel anfangen kann und werdet ihr dort jetzt mehr live spielen?
Alex: „Das sehe ich anders, denn gerade die englische Metalszene erlebt gerade eine Renaissance, die man nur positiv bewerten kann. Internationale Topbands touren momentan regelmäßig und intensiv durch das Vereinte Königreich, und einheimische Bands wie DRAGONFORCE haben die Szene da drüben regelrecht aufgemischt und das Interesse der Fans wieder auf traditionellen Metal gelenkt. IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST sind immer noch feste Größen und halten für die Traditionalisten die Fahne hoch und begeistern dabei auch wieder neue Generationen von Fans. Von daher ist es eine großartige Sache, dass sich die Briten somit auch für STORMWARRIOR interessieren, und wir freuen uns nach unserem Besuch beim Bloodstock 2005 sehr darauf, die Insel bald wieder zu beackern.“
Lars: „Außerdem denke ich, dass die HELLOWEEN/GAMMA RAY- Tour letztes Jahr auch noch mal zusätzlich Einiges an Interesse an dieser Stilrichtung geweckt hat, da die Tour scheinbar doch sehr erfolgreich verlief, so hörte man...“
Textlich habt ihr ja die ersten beiden Alben gemischt, denn während „Northern Rage“ Wikingergeschichten beinhaltete und das Debüt vor Heavy Metal-Lyrics strotzte, gibt es auf „Heading Northe“ beides. Hast Du die Texte eigentlich wieder alle alleine geschrieben und bist Du wieder in Bibliotheken gewesen, um die Fakten der Wikingergeschichten nachzulesen?
Lars: „Dieses Mal habe ich nicht alles alleine geschrieben. Unser neuer Basser Yenz hat auch drei lyrische Eingebungen beisteuern können, was für mich natürlich ungewohnt aber sehr interessant war. Natürlich habe ich dann beim Einsingen noch ein paar kleinere Abänderungen vorgenommen, aber an sich hat das schon so sehr gut funktioniert und ich kann mir auch vorstellen, dass Yenz in Zukunft weiterhin ein paar Sachen beisteuern wird.
In Bibliotheken hab ich mich diesmal nicht umhertreiben müssen, da ich vom zweiten Album auch noch ein paar Sachen rumflattern hatte. Allerdings habe ich natürlich doch das eine oder andere Buch gewälzt für „Holy Cross“ oder „Ragnarök“ bzw. „Lion of the Northe“.“
Mit „Lion Of The Northe“ hat sich ja erstmals ein Text verirrt, der weder etwas mit Heavy Metal noch mit den Wikingern zu tun hat. Sind künftig mehr solcher Texte zu erwarten oder war das eine einmalige Sache?
Lars: „Weiß ich noch nicht, kann aber sein, dass man sich irgendwann nochmal einen weiteren nordischen König o.ä. herausschnappt und 'nen Song darüber macht. Aber es ist ja nun auch kein Thema, welches nicht zu den bisherigen Texten passen würde, also kann man nun auch nicht gerade von „Verirrung“ sprechen... Außerdem fällt mir gerade ein, dass selbst auf dem ersten Album schon 'n Song drauf war, der weder direkt was mit Heavy Metal noch mit der Wikingerthematik zu tun hatte, sondern um Sklaverei an sich ging (“Chains of Slavery”)...“
Alex: „Es hilft immer, sein thematisches Spektrum zu erweitern. Gerade eine historische Geschichte wie die von Gustav II. Adolf bietet einen hervorragenden atmosphärischen Unterbau, den man für einen epischen Metal-Song verwenden kann. Da mich Geschichte generell sehr interessiert, hoffe ich natürlich, dass wir noch mehr thematisch ähnlich gelagerte Songtexte in Zukunft haben werden.“
Auf den ersten Alben hast Du die Musik ja mehr oder weniger alleine geschrieben, wie hat sich das auf „Heading Northe“ verteilt?
Lars: „Stimmt, lediglich Falko konnte sich beim zweiten Album bei ein paar Melodic-Parts bzw. beim Intro einbringen. D.h. beim Song “Heavy Metal Fire” waren auch schon ein paar Ideen von Scott damals dabei gewesen (was allerdings bei der Gema-Anmeldung durch den Verlag damals durcheinander gebracht worden ist, weshalb nur ich als Songwriter genannt worden bin...). Es war noch nie so, dass alles unbedingt ausschließlich von mir geschrieben sein musste, aber da es schon sowas wie mein Baby ist, will ich natürlich schon irgendwie “das letzte Wort” beim Songwriting haben...;-)“
Alex: „Ich sehe „Heading Northe“ auf jeden Fall als ein Resultat von Teamwork an, denn jeder hat sich neben Lars mit Ideen und Vorschlägen einbringen können, sei es Falko mit Drumfills oder Breaks, Yenz mit Basslinien und Textpassagen oder ein paar Ideen für Gitarrenparts von mir. Natürlich bleibt Lars der Hauptsongwriter, da er einfach am besten weiß, wie STORMWARRIOR zu klingen haben, aber die Arbeit im Team mit allen Bandmitgliedern hat auf jeden Fall dazu beigetragen, „Heading Northe“ vielschichtiger und ausgefeilter werden zu lassen.“
Über das neue Album kann man ja sagen, was man will, aber abwechslungsreich ist es auf jeden Fall. Ihr habt viel experimentiert und Dinge gemacht, die so bisher noch nicht von Euch zu hören waren. Eine Reaktion auf die Kritik, ihr würdet zu sehr nach HELLOWEEN und RUNNING WILD klingen?
Alex: „Wie ich schon eingangs erwähnte, haben wir uns einfach weiterentwickelt. Wenn man weiterhin Interesse wecken will, sowohl für sich selbst als auch für die Zuhörer, muss man ab und an einfach mal etwas ausprobieren, was man vorher so nicht gemacht hat. Solch eine Entwicklung sehe ich als natürlich an und zeigt einfach einen Schritt zu mehr Selbstständigkeit. Selbstverständlich wird man Einflüsse von RUNNING WILD oder HELLOWEEN immer bei uns heraushören können. Das sind einfach unsere Wurzeln und wir tragen diese Musik in unseren Herzen. Auf Kritiken reagieren wir aber bewusst nicht, denn wir machen Musik natürlich auch für uns selbst und müssen dementsprechend zu allererst mal selber zufrieden mit dem Material sein. Dass es den Fans dann so sehr gefällt, freut uns natürlich umso mehr, denn wir hängen mit unserem gesamten Herzblut dran.“
Wo wir schon mal beim Thema sind – „Metal Legacy“ weist gewisse Ähnlichkeiten zu RUNNING WILDs „Soulless“ auf, gerade zu Beginn. Ein bewusstes Zitat oder Zufall?
Alex: „Eher Zufall, würde ich sagen. RUNNING WILD zählten schon immer zu unseren wichtigsten Einflüssen, und das mag natürlich ab und zu mal zu Tage treten. Es kam einfach so aus uns heraus, ohne dass wir absichtlich gesagt haben „wir machen jetzt einen RUNNING WILD-Song“. Wie gesagt tragen wir diese Art von Musik in unserem Herzen, und wir verneigen uns natürlich auch mal gerne vor Helden wie Rock n’ Rolf.“
Lars: „Jeder Song in diesem Tempo mit abgestoppten Abschlägen erinnert an RUNNING WILD, oder soll ich lieber AC/DC sagen...;-) “Zitat” würde bedeuten, dass es eins zu eins original wäre und das zeig mir mal...;-) Da gibt es weitaus schlimmere Geschichten bei anderen Bands, wo Parts wirklich geklaut worden sind... Aber in diesem Fall kann man meiner Meinung nach lediglich stilistische Ähnlichkeiten nachweisen, was völlig legitim ist.“
Wo seht ihr die größten Unterschiede zwischen „Northern Rage“ und „Heading Northe?“ Und warum hat es mit dem neuen Album eigentlich so lange gedauert, abgesehen von dem Live-Album, das dazwischen lag?
Alex: „Das Songwriting auf „Heading Northe“ ist variabler, die Gesangslinien und Gitarrenläufe ausgefeilter und der Sound ist transparenter, so dass man die vielen kleinen Details gut heraushören kann. Natürlich wirkt es für einen Außenstehenden so, als hätten wir recht lange für dieses Album gebraucht, aber wir lagen ganz bestimmt nicht auf der faulen Haut in den letzten vier Jahren. Alles fing mit dem Verlust unseres alten Thunderhall- Studios Mitte 2005 an, das sich in dem gleichen Bunker wie das von GAMMA RAY befand. Eben dieser Bunker wurde in einem recht undurchsichtigen Verfahren zwangsversteigert und alle Mieter mussten innerhalb kürzester Zeit raus. Somit war unser Studio und vor allem das Geld, was in das ganze Projekt investiert wurde, erst mal weg.“
Lars: „Ja und dann kam eben, neben diversen Festivals, die Japan- Tour mit GAMMA RAY und der Mix des mitgeschnittenen Live-Albums im Anschluss dazu, was natürlich dann auch wieder Zeit verschlungen hatte, da es das erste Mal überhaupt für Falko und mich war, irgend etwas professionell mixen “zu müssen”. Und da will man dann natürlich auch alles so perfekt wie möglich machen. Des Weiteren gab es auch wieder einen Wechsel im Line-Up und da braucht man dann auch wieder 'ne gewisse Zeit, um die Band wieder auf Vordermann zu bringen...“
Für mich ist der Gesang ein großer Unterschied. Während Lars auf „Northern Rage“ noch entschlossen und aggressiv gesungen hat, singt er auf dem neuen Album betont melodisch – war das beabsichtigt oder hätte der alte Gesangsstil nicht gepasst?
Lars: „Also jetzt hört es aber echt auf! Du willst mir jawohl nicht erzählen dass ich auf dem neuen Album “unentschlossen” singen würde, oder was...?! Klar ist mehr Abwechslung und Melodie dabei, aber aggressiv ist es jawohl immer noch, nur eben nicht durchgehend, sondern so, wie es die jeweiligen Passagen und die Texte erforderten. Eine Stimme entwickelt sich nun mal weiter (vor allem in vier Jahren) und man versucht natürlicherweise auch mehr Sachen auszuprobieren, und wenn einigen Leuten das nicht passt, dann sollen sie halt selber 'ne Band aufmachen und sich einen abschreien... Wir können das Album ja auch noch mal als Karaoke-Version rausbringen und dann kann ja jeder dazu nochmal so einsingen, wie er sich das vorstellt! Das stellen wir dann auf unsere Homepage und die Fans können ja dann entscheiden was passender ist...“
Auf „Heading Northe“ arbeitet ihr sehr viel mit Backing Vocals und Chören. Wolltet ihr das schon immer mal machen oder haben es die neuen Songs erst erfordert?
Lars: „Chöre und Backing-Vocals gab es bei uns schon immer, nur diesmal konnten wir das noch besser ausbauen, da es das Songmaterial so hergegeben hat. Es sind eben viel mehr atmosphärischere Parts auf dem Album und die Chor-Arrangements haben zusätzlich noch dazu beigetragen, die Songs und das ganze Album an sich in einem mehr epischeren Lichte stehen zu lassen, was zu den lyrischen Thematiken auch hervorragend passte.“
Die Gitarrenarbeit ist auch ein ganz wichtiger Part für mich, sie wirkt noch sehr viel ausgefeilter als bisher. Habt ihr dafür besonders viel Zeit aufwenden müssen?
Alex: „Lars und ich haben schon einiges an Zeit investiert; um an den Gitarrenparts zu arbeiten. Wir haben halt sehr viel herumprobiert und gejammt oder mal die Ideen des anderen aufgegriffen und weiterverarbeitet. Ich denke, wir harmonieren ganz gut als Gitarrenduo und haben uns auch immer wieder gegenseitig angespornt. Meine Soli sind allerdings oft aus Improvisationen entstanden. Da habe ich solange auf der Gitarre herumgenudelt, bis was dabei war, mit dem wir zufrieden waren. Das ging zwar relativ zügig, aber nachher war es umso aufwendiger zu rekapitulieren, was zum Teufel man da überhaupt gemacht hat?“
Glaubt ihr, dass die Fans den Unterschied von „Northern Rage“ zu „Heading Northe“ mitmachen oder denkt ihr, dass ihr genug neue Fans gewinnen werdet?
Lars: „Also ich denke, dass der Unterschied von “Northern Rage” zum neuen Album nicht so extrem ist, wie bei HELLOWEEN damals von der “Walls...” zu den “Keeper...” Sachen, von daher denke ich nicht, dass es mehr als vier oder fünf Leute geben wird, die mit der neuen Scheibe ein Problem haben werden...! Es ist eine logische Fortsetzung der ersten beiden Alben, ohne dass eine halbwegs komplette oder wie auch immer geartete Stiländerung zu erkennen ist oder irgendwelche Roots verleugnet werden. Und wenn ein paar Leute der Meinung sein sollten, dass man sich als Band nicht weiterentwickeln darf, dann ist das definitiv nicht mein Problem sondern das dieser Leute, da diesen Leuten irgendwann die Scheiben zum Zuhören ausgehen werden... Wie gesagt ist für mich schon ein Riesensprung an Weiterentwicklung in die richtige Richtung zu erkennen, aber keinesfalls eine Stiländerung, mit der die bisherigen Fans nichts anzufangen wüssten. Alle, denen es trotzdem zu viel Weiterentwicklung ist, werden aber dann wohl auch in Zukunft keinen Spaß mehr mit dieser Band haben...“
Seid ihr eine Band, die mit zig Songs ins Studio geht und dann aussortiert oder schreibt ihr nur so viele Songs, wie hinterher auch auf Platte erscheinen? Und was macht ihr mit Songs, die es nicht auf die Platten schaffen? Geraten die in Vergessenheit oder greift ihr die später mal auf?
Alex: „Diesmal ist nur ein Song übriggeblieben („Night of the Storme“), der aber jetzt als Bonustrack für Japan verwendet wurde. Ansonsten existieren ein oder zwei unfertige Stücke, die wir aber vielleicht irgendwann noch mal aufgreifen werden, da sie zu schade sind, um einfach in der Schublade einzustauben.“
Lars: „Riffs oder Partideen gibt es natürlich zur Genüge, aber wenn sie es nicht auf's Album geschafft haben, wird es wohl in den meisten Fällen schon seine Gründe gehabt haben, weshalb ich für meinen Teil dann bei zukünftigen Material lieber wieder komplett bei Null anfange, bevor ich alte Sachen nochmal hervorkrame. Generell ist es aber so, dass wir erstmal alles aufnehmen, uns dann aber nur auf die Songs bzw. Songfragmente konzentrieren, die gut genug für's Album sind und uns dann um die Ausarbeitung dieser Parts oder Songs intensiv kümmern. Lieber nochmal einen komplett neuen Song schreiben, als sich endlos mit nur halbgaren Sachen rumzuschlagen...“
Erstmals war Kai Hansen ja nicht bei der Produktion involviert. Hatte er keine Zeit, wolltet ihr Euch bewusst von ihm lösen oder wolltet ihr herausfinden, wie andere Produzenten so arbeiten? Was war bei der Produktionsarbeit anders als früher?
Alex: „Da sind einige Faktoren zusammen gekommen, die dazu führten, letztendlich nicht mit Kai zusammen zu arbeiten. Zum einen hatte er wirklich keine Zeit, da er und GAMMA RAY die Möglichkeit bekamen, mit HELLOWEEN die „Hellish Rock“- Tour auf die Beine zu stellen und somit viel unterwegs war (bzw. zuvor die letzte GAMMA RAY- Produktion anstand...). Zum anderen war es an der Zeit, mal etwas anderes auszuprobieren und auf eigenen Beinen zu stehen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Kai ist immer noch eine Art Mentor für uns, der uns oft und jederzeit gerne mit Rat und Tat zur Seite steht, und er ist vor allem ein sehr guter Freund. Aber er sagte während der Japan Tour 2005 selbst einmal, dass es an der Zeit wäre, uns Küken aus dem Nest zu werfen...;-) Von daher haben wir die Produktionsarbeit selbst in die Hand genommen und erst beim Mixing eine externe Person dazugeholt.“
Lars: „Ja, was war anders... Im Prinzip fast alles;-). Wie gesagt haben wir diesmal alles komplett selber im eigenen Studio ohne „fremde“ Hilfe produziert und aufgenommen. Nur zum Mixen wollten wir nochmal andere Ohren ranlassen, da man sich nach einem Jahr Arbeit am Album (Songwriting, Vorproduktion und dann die eigentliche Produktion) schon zu sehr auf den Sound der Vorproduktion eingeschossen hat. Zum Mastern war es dann auch nochmal gut, wiederum andere (evtl. nochmals erfahrenere) Ohren ans Werk ranzulassen, was mit Tommy Hansen auch wunderbar funktioniert hat.“
Als es vor zehn Jahren los ging mit der Band, war ja noch nicht ganz so viel Professionalität dabei wie heute. Ist der Sinn und Zweck immer noch der Gleiche, weshalb ihr diese Musik macht?
Lars: „Grundsätzlich ja, nur dass bei mir (glücklicherweise) das “Heavy Metal Lifestyle-Ausleben” durch die Arbeit mit der Band erweitert bzw. zum Teil sogar “ersetzt” wurde. Will sagen, ich bin dankbar dafür, dass ich die Chance habe, den ganzen Tag in meinen Metal-Klamotten rumlaufen und Metal machen zu können. Ich bin zwar mittlerweile nicht mehr das komplette Wochenende bis zur Kante besoffen und in Kutte und Nieten auf irgendwelchen Metal-Partys oder Konzerten unterwegs und meckere irgendwelche Leute an, warum sie gerade keine Kutte tragen (...;-)...), aber dadurch, dass es mit STORMWARRIOR gut läuft und die Band für mich von Anfang an meine eigene Definition von Heavy Metal war, erfüllt dieser Musikstil nach wie vor mein komplettes Leben und ich kann mir auch nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu machen...! Mit Sicherheit ist auch sehr viel Arbeit und Stress dazu gekommen, da alles professioneller läuft und man nicht wirklich viel Zeit für andere Dinge hat, aber selbst, wenn ich mittlerweile zum Kippen-Holen keine Kutte mehr überziehe, kann mir trotzdem keiner in irgendeiner Art und Weise vorwerfen, dass ich nicht den ganzen Tag Heavy Metal leben würde!“
Als ihr in der Szene neu wart, seid ihr von einigen Magazinen ja nicht so ernst genommen worden. Inwieweit würdet ihr sagen, dass ihr Euch von anderen Bands Eures Musikstils unterscheidet? Denn so barbarisch wie früher seid ihr ja nicht mehr.
Lars: „Na, wenn du das sagst... Meiner Meinung nach ist immer noch ein deutlicher Unterschied zu den ganzen glattgebügelten Bands zu hören. Man merkt nach wie vor deutlich, dass STORMWARRIOR einen anderen Werdegang haben als die meisten anderen Bands. Wie viele Bands können von sich heutzutage noch behaupten, im Underground gewachsen zu sein, ihre ersten Demos ausschließlich als Tape-Version veröffentlicht zu haben, bevor Releases als 7” only kamen und auch bei den bisherigen Alben alles aus Kultgründen auch als Vinyl herausgebracht zu haben... Nee, aber stimmt natürlich auch und vor allem musikalisch klingen wir natürlich wie glattgeschliffener Einheitsbrei und wir sind alle, auch menschlich, vollkommen verweichlicht geworden und in Zukunft wird unser Stil auch als “Barbaric Soft Pop Metal” in die Geschichte eingehen...“
Mit Jens Leonhardt habt ihr ja auch einen neuen Bassisten. Was hat ihn denn außer der Tatsache, dass er Däne ist, für den Job bei STORMWARIOR qualifiziert?
Alex: „Ich muss Dich da mal korrigieren, denn unser Basser schreibt sich YENZ! Auch wenn seine dänische Herkunft ihm mit Sicherheit einen Sympathiebonus einbrachte, war es definitiv sein Bassspiel sowie seine professionelle Einstellung und langjährige Erfahrung als Profimusiker, die ihn qualifizierten. Unser voriger Bassist Jussi verließ uns zwei Wochen vor dem Auftritt beim Magic Circle Festival mit MANOWAR und eine Absage kam für uns nicht in Frage. Somit mussten wir schnell einen Ersatzmann ranschaffen, und Yenz kam sofort ins Gespräch. Wir kennen uns seit dem gemeinsamen Gig mit IRON SAVIOR beim Bloodstock- Festival 2005 und wir wussten, dass er es spielerisch auf jeden Fall schaffen würde, so kurzfristig einzuspringen. Also haben wir ihn kurzerhand gefragt und Yenz sagte sofort zu. Er hat sich in kürzester Zeit das Songmaterial raufgeschafft und hat beim Magic Circle Festival einen Superjob abgeliefert. Da er auch menschlich hervorragend zu uns passt, haben wir ihn gleich nach dem Gig gefragt, ob er dabei bleiben möchte. Zu unserem Glück schlug er ein und Yenz ist bereits jetzt zu einer wichtigen Säule in der Band geworden und hat viel zu „Heading Northe“ beigetragen. Er hat STORMWARRIOR mit seinem tighten Bassspiel und seinem Input auf jeden Fall einige Schritte nach vorne gebracht!“
Ich habe in einem Interview gelesen, dass der Bass bei Euch eine bedeutende Rolle hat. Wieso hörte man den Bass auf den ersten Alben so gut wie gar nicht, auf dem neuen Werk aber umso mehr?
Lars: „Naja, generell ist das auf jeden Fall eine Sache des Mixes, aber dieses Mal hatten wir durch die guten Ideen von Yenz natürlich auch sehr viel geilere Bassläufe als zuvor in die Songs integrieren können, welche zum Teil auch bei einigen Parts im Verlaufe des Songwritings zu einer tragenden Rolle wurden. Deshalb war es natürlich auch im Mix dann wichtiger als früher, dass die Bassläufe auch gut zum Vorschein kommen. Ich finde, das hat dem ganzen Album aber auch gut getan und solang man die Gitarren noch deutlich raushört, ist noch alles im grünen Bereich...;-)“
Glaubt ihr, dass sich die Metal-Szene ohne Internet und ohne die Möglichkeit, online zu stellen, anders entwickelt hätte und glaubt ihr, dass ihr dadurch große Einbußen habt oder betrifft das eurer Meinung nach eher größere Bands?
Alex: „Das Internet ist eine weltweit akzeptierte und extrem kostengünstige Kommunikationsform, die der Metal-Szene viele Möglichkeiten beschert hat, sich mit Fans aus aller Welt auszutauschen, während junge Bands die Möglichkeit haben, sich flächendeckend und professionell zu präsentieren. Von daher denke ich schon, dass sich die Metal-Szene ohne Internet anders entwickelt hätte, aber das ist alles schon ganz gut so, wie es jetzt läuft. Die Sache mit illegalen MP3-Tauschbörsen ist natürlich etwas ärgerlich, denn Leute bekommen oft Scheiben Monate vorher im Netz, bevor sie überhaupt im Laden sind. Allerdings kaufen sich viele Fans die Platte trotzdem noch, nachdem sie die MP3s gehört haben, weil eine echte CD mit Booklet und Verpackung doch noch etwas anderes ist als eine digitale Musikdatei. Somit gibt es da immer noch einen kleinen Promo-Effekt, der auch kleineren Bands einen Vorteil verschaffen kann. Ist also alles halb so schlimm, denke ich.“
Lars: „Weiß nicht ob das alles wirklich nur halb so schlimm ist... Es kotzt einen schon an, erfahren zu müssen, dass an einem Tag morgens um acht die Promo-CDs an die kleineren Magazine, Fanzines und e-zines rausgehen und am selben Abend die Scheibe plötzlich im Netz als Download zur Verfügung steht (wie jetzt bei unserem neuen Album geschehen...)! Gerade von der Basis würde man sich gerne anderes erhoffen können... Denn es ist ja nunmal so, dass man als Band dadurch etwas weniger verkauft. Es geht hier jetzt auch nicht um Geldgeilheit oder sowas, es ist nur so: wenn man als kleinere Band weniger verkauft, schwindet auch der Support von der Plattenfirmen- oder gerade auch von der Vertriebsseite her und somit wird es dadurch nur noch schwieriger für gute Bands, bei kleineren Labels irgendwie irgendwo Fuß zu fassen! Ich denke, gerade bei den etwas lütteren Bands (wo es dann um vielleicht sogar “nur” ein- zweitausend Euro geht, die dann flöten gehen, was aber manchmal auch vielleicht ein bis zwei Wochen mehr Studiozeit und dementsprechend ein noch geileres Endresultat bedeuten kann...) ist sowas doch sehr ärgerlich und führt dazu, dass manche Bands in ihrer Entwicklung doch irgendwie behindert werden! Und dann schreien die Leute wieder irgendwann, wo die guten Bands aus'm Underground bleiben...! Da sollten vielleicht einige “Schreiberlinge” mal drüber nachdenken, und nicht nur “schreiben”, weil sie dadurch 'ne Gratis-Promo-CD ergattern können, die sie dann erstmal ins Netz stellen...“
Für den Sommer diesen Jahres ist ja auch eine Live-DVD geplant, die noch über euer altes Label erscheinen soll. Was genau wird da drauf zu sehen sein und welche Extras wird es geben?
Alex: „Wir haben den Wacken-Auftritt mit Kai Hansen komplett mitgeschnitten und werden den in naher Zukunft über Remedy Records veröffentlichen. Es werden auf jeden Fall auch einige Helloween-Klassiker von der „Walls of Jericho“- Scheibe zu hören und vor allem zu sehen sein, die wir mit Kai auf der Bühne gezockt haben. Welche Extras wir noch zusätzlich auf die DVD packen werden, kann ich noch nicht sagen, aber es wird definitiv eine runde Sache werden...“
Die Release-Party im Hamburger Ballroom ist ja leider nicht so optimal gelaufen, neben den Sound- und Hardwareproblemen hat Drummer Falko mit Fieber gespielt und Lars hatte Probleme mit der Stimme. Seid ihr dennoch mit dem Auftritt und den Publikumsreaktionen zufrieden?
Lars: „Was soll denn das schon wieder heißen...?! Bzw. womit hast du denn bitte gerechnet...?! Mit 'ner fetten Festival-Show??? In 'nem kleinen, gemütlichen Laden kannst du keinen geilen Sound auf der Bühne, geschweige denn vor der Bühne haben. Falko hat trotz Fieber gut gespielt und mit dem Gesang kam ich trotz kleinerer Halsentzündung auch gut durch... In so'nem kleinen Rahmen kannst du einfach keinen Sound haben, bei dem sich jeder hört und bei dem alles perfekt ist, also kommt es mehr auf die Energie und den Spass bei der Sache an... Scheinbar hat es allen anderen außer der üblichen “Hamburger Möchtegern-Musikerpolizei” gefallen und es war definitiv 'ne geile Stimmung an dem Abend und alle hatten 'ne Menge Spaß... Und außer von Dir (und den zwei drei üblichen Verdächtigen aus der Hamburger Szene) hab ich auch keine negativen Kommentare gehört, weder in Punkto Sound noch hinsichtlich der Performance der Band; also man kann das alles auch übertreiben...“
Alex: „Die Reaktionen auf den Auftritt waren gut, wir sind also zufrieden. Wir hatten begeisterte Fans, die extra für die Release-Party aus Belgien und England angereist kamen, also müssen wir auch irgendwas richtig gemacht haben. Ab und zu läuft halt die Technik nicht wie man es will, Kabel gehen zum Beispiel am laufenden Band kaputt und verursachen schnell Störgeräusche. Das lässt sich nicht verhindern und man muss das Beste aus der Situation machen. Dass sich Falko mit hohem Fieber trotzdem hinter die Drums gesetzt hat, rechne ich ihm übrigens hoch an und er hat trotz des krankheitsbedingten Handicaps einen Superjob an dem Abend abgeliefert.“
Ein Manko war ja eigentlich immer, dass ihr nicht sonderlich viel live gespielt habt. Wird es bei vereinzelten Auftritten am Wochenende und Festivalgigs bleiben oder plant ihr eine komplette Tour?
Alex: „Ein Manko kann ich nicht erkennen, denn wir haben gerade in den letzten zwei Jahren doch einiges an Gigs im In- und Ausland absolviert. Das Problem mit kompletten Touren ist die Finanzierung, denn eine Tour kostet viel Geld. Wir hatten schon des öfteren Angebote für hervorragende Touren durch Europa, die sich aber meistens wegen finanzieller Probleme wieder zerschlugen. Aber natürlich arbeiten wir weiter daran, auch vollständige Touren zu machen. Festivalgigs haben natürlich den angenehmen Vorteil, dass man ein sehr viel größeres Publikum erreicht, was bei Clubgigs oft nicht der Fall ist. Da kann man dann auch mal eine besondere Show bieten wie zum Beispiel der Auftritt mit Kai Hansen auf dem Wacken letztes Jahr. Letztendlich kann man aber sagen, dass wir jede Möglichkeit nutzen wollen um live aufzutreten und „Heading Northe“ zu supporten!
Im letzten Jahr habt ihr ja auf dem Magic Circle- Festival gespielt und für dieses Jahr seid ihr ebenfalls bestätigt. Hat Euch Joey DeMayo heilig gesprochen oder wieso spielt ihr zweimal hintereinander auf dem gleichen Festival?
Alex: „Joey mochte unseren Auftritt beim MCF 2007 und hatte uns dann Anfang des Jahres, als er in Hamburg war, wieder für dieses Jahr eingeladen. Das ist natürlich eine große Ehre für uns und das schlägt man selbstverständlich auch nicht aus! Das hat nichts mit „heilig sprechen“ zu tun, scheinbar gefällt Joey, was STORMWARRIOR machen und er wollte uns nach dem Erfolg seines Festivals wieder mit dabei haben. MAJESTY sind dieses Jahr übrigens auch wieder da!“
Ihr tragt live ja keine Nieten mehr und Lars seine Kutte auch nicht. Mal bewusst provokant gefragt – legt ihr darauf keinen Wert mehr oder versprecht ihr Euch mit einer gemäßigten Außendarstellung mehr Fans aus dem Lager Power Metal-Ecke, die sich bislang an Eurem Image gestört haben?
Lars: „Ich/wir haben noch nie auch nur einen Gig ohne Nieten gespielt (und seien es auch nur die Nieten am Gürtel oder an meinen Schuhen...)! An den Handgelenken muss ich ab und zu die Nietenarmbänder gegen Schweißbänder austauschen, wegen Sehnenscheidenentzündung bzw. halbwegs trockenen Händen zwecks Plektrum-Festhaltung und Saitenbespielung. Meine Kutte ist mittlerweile nach den ganzen Jahren sowas von steif dass man sich auf der Bühne (gerade auch zum Singen) doch sehr eingeschränkt fühlt, was sich mit jedem weiteren durchgeschwitzten Gig noch verstärken würde, also lasse ich sie mittlerweile einfach lieber gleich hinter der Bühne liegen, bevor ich irgendwann überhaupt nicht mehr in das Ding rein- bzw. rauskomme... oder bevor die Kutte von sich aus wegrennt...;-)“
Seht ihr Euch eigentlich noch als Speed Metal-Band? Auf dem neuen Album sind ja doch jede Menge langsamere Stücke dabei.
Alex: „Eigentlich sahen wir uns noch nie als reine Speed Metal-Band, sondern immer als eine HEAVY METAL Band! Von daher können auch langsamere Stücke neben schnellen Songs auf der neuen Scheibe dabei sein, denn Metal lebt definitiv auch von der Abwechslung – und „Heading Northe“ ist METAL!“