TESTAMENT, COURAGEOUS, CHROME, WARCRY - Stuttgart, LKA-Longhorn - (02.06.2008)

Als mir die Jungs von COURAGEOUS von ihrem Support für TESTAMENT in Stuttgart erzählten und mich fragten, ob ich den Trip mitmachen möchte, brauchte ich natürlich keine Sekunde zu überlegen. Sowohl die Frankfurter Thrasher als auch die Bay Area Legende sind immer eine Reise wert. Was allerdings als nette kleine Fahrt für uns Thrash Maniacs gedacht war, entpuppte sich im Nachhinein als Lehrbeispiel für die Irrungen und Wirrungen einer Band auf Tour. SPINAL TAP ließen grüssen. Statt Blow Jobs blies ein Motor dunklen Rauch und statt AC/DC auf dem Highway, bekamen wir ADAC auf dem Rastplatz. Aber der Reihe nach.
Als erstes zeigte sich, dass nicht jeder Metaller für einen Job gemacht ist, bei dem Pünktlichkeit zählt. 14 Uhr war Treffpunkt am Bunker. Tja und wer war da? Gitarrist Gerd und meine (unwichtige) Wenigkeit. Der Rest glänzte durch Abwesenheit und trudelte erst nach und nach ein.
Aber was soll’s, Stuttgart liegt ja relativ nahe und Zeitpuffer gab es genug. Und so trafen wir gegen halb fünf am LKA Longhorn ein, bekamen unsere Pässe (hier noch mal Danke für die relativ reibungslose Organisation und gute Kommunikation Backstage) und dann begann erstmal das große Warten, da es TESTAMENT nicht für nötig hielten sich an den Zeitplan zu halten und ihren Soundcheck um diese Uhrzeit noch nicht mal begonnen hatten. Einlass war immerhin schon um 19 Uhr und die Sets der anderen Bands, insbesondere das Drumkit, waren auch noch nicht aufgebaut.
Höhepunkt dieser Rockstarallüren war das sinnlose Herauszögern und Rumblödeln auf der Bühne, Rumprobieren von neuen Riffs und dem Einsacken sämtlicher Wasserflaschen, die eigentlich für ALLE Bands vorgesehen waren und nicht nur für den Headliner. Dass dies die Sympathie für TESTAMENT nicht unbedingt förderte, dürfte klar sein.
Nachdem Chuck Billy und co. dann endlich ihren Sound eingestellt hatten, ihr Abendessen verputzen und sich in ihren Bereich zurückzogen, durften auch endlich alle anderen ein wenig essen, ihre Banner aufhängen und die Show vorbereiten. Es wurde knapp, hat aber dann doch alles zeitlich geklappt.
WARCRY
Die erste lokale Vorgruppe durfte sich dann vor einem spärlich gefüllten LKA präsentieren. Der erste Kontakt mit der Band war im Backstagebereich beim Ankleiden der Bühnenklamotten. Dabei rasselten mehr Ketten, als auf allen Hörspielkassetten von Hui Buh. Das Überstreifen von Patronengurt, Ketten, Nietengürteln usw. hat fast länger gedauert als der Auftritt selbst. In den 80ern hat man so was noch als Poser bezeichnet. Na ja, man hätte besser daran getan sich auf das Songwriting zu konzentrieren, als Plastikschädel auf Gartentische zu nageln, die wohl so was wie Wikingerschilde darstellen sollten. Die Musik war, genau wie die Bühnendekoration, wenig beeindruckend. Die Mischung aus ganz alten MANOWAR, AMON AMARTH und ein wenig oldschool BM und Thrash hatte gerade mal regionale Klasse und versprühte wenig Charme. Bis auf 2-3 Klassenkameraden der sehr jungen Musiker (man hatte tatsächlich den Eindruck einer Schülberband) hielt sich die Resonanz dann auch stark in Grenzen.
Peinlicher Höhepunkt war nach ein paar Songs das große Umstecken von Kabeln und dem daraus resultierenden, nicht mehr hörbaren Bass. Dafür schnappte sich der Bassist kurzerhand ein Schwert und versuchte sich in Wikingerposen. Mehr SPINAL TAP geht fast nicht.
CHROME
Von ganz anderem Kaliber waren die Stuttgarter CHROME mit ihrem extrem an DOWN orientierten Sound. Modern ohne anbiedernd zu wirken grooveten sich die Vier durch ihr Set. Vor allem der Gitarrist machte eine mehr als gute Figur und zockte ein fettes Riff nach dem anderen aus dem Handgelenk. Die Band agierte mit viel Spielfreude, wirkte eingespielt und auch wenn ein/zwei Songs ein wenig abfielen, überwog der mehr als positive Eindruck. Das Publikum sah es ähnlich und das mittlerweile relativ gut gefüllte LKA quittierte den Auftritt mit Applaus. Es wurde also zum ersten Mal laut. Jetzt lag es an meinen Frankfurter Kollegen den Ball aufzunehmen und die Hütte zu rocken.
COURAGEOUS
Das taten sie dann auch und wie. Ich hab die Jungs in den letzten Jahren schon ein paar mal gesehen, aber der einhellige Tenor aus allen Munden war „der eindeutig beste Gig“ und Sänger Chris’ erstes Statement nach dem Auftritt „war das geil“.
Wer aber auch direkt mit „Listen“ einsteigt und das Stimmungsbarometer danach hoch hält, kann eh nix falsch machen. Jedenfalls war nach den ersten Minuten aller Ärger verflogen und es regierte die pure Spielfreude. Dies übertrug sich auch sehr schnell auf das Stuttgarter Publikum. Selten habe ich ein Völkchen „meine Jungs“ so sehr abfeiern gehört, wie an diesem Abend, was mich auch ein klein wenig Stolz machte. Schließlich kam nach TANKARD und GRINDER aus dem Frankfurter Raum in den letzten Dekaden fast nichts mehr nach.
 Kopie.jpg) Zu bemäkeln gab es diesmal auch von meiner Seite diesmal rein gar nichts. Die Setlist war sehr gut ausgewählt, auch die Reihenfolge war stimmig und man merkte den Jungs die Erfahrung der letzten Jahre, in denen man die Bühne mit BEYOND FEAR oder VICIOUS RUMORS teilen durfte, deutlich an. So tight kannte ich die Jungs gar nicht.
Der krönende Abschluss, welcher wie immer jedem ein fettes Grinsen ins Gesicht zauberte, der dies noch nicht kannte, bildete die BEATLES Coverversion von „Yellow Submarine“. Auch der höfliche Applaus, den die Jungs von TESTAMENT beim Verlassen der Bühne gespendet bekamen, dürfte die Stimmung der fünf Musiker noch gepusht haben. Zu erwähnen wäre noch, dass sich das neueste Mitglied Thomas am Bass glänzend einfügte. Sowohl was die spielerische, als auch die showtechnische Komponente betrifft. Da anscheinend auch menschlich bei dem Mann alles passt, kann man allen Beteiligten hier nur gratulieren.
Jedenfalls konnten sich TESTAMENT nach diesem Auftritt keine Blöße mehr erlauben.
Setlist COURAGEOUS
Listen
Trapped
System Has Failed
Praise Thy Name
Inertia
Sudden Death
Hollow Creation
Yellow Submarine
TESTAMENT
Eine Blöße gab sich die Band dann auch nicht mehr. Allein die Setlist dürfte bei vielen für eine vorzeitige Ejakulation gesorgt haben. Aber auch spielerisch war alles im grünen Bereich. Dazu war der Sound bombig. Nur die Drums klangen für meine Ohren ein wenig zu leise und ließen ein wenig den Bumms vermissen.
Leider war auch Chuck Billy nicht gut bei Stimme. Die höheren Noten ließ er komplett aus und die tiefen Grunts klangen ein wenig halbherzig. Dazu wurde seine Stimme an diesem Abend mit Effekten extrem aufgemotzt, besonders auffällig bei „Apocalyptic City“. Hier hatte ich das Gefühl nicht im Fotograben zu stehen, sondern in den Alpen, so extrem wurde ein Echo drauf gelegt.
Und wenn wir schon beim Nörgeln sind, dass Alex Skolnick ein göttlicher Gitarrist ist, steht außer Frage, dennoch wirkte er über weite Strecken wie ein Fremdkörper in der sonst gut eingespielten Gruppe. Beim neuen Song „Henchman Ride“ zeigte sich dies besonders stark, da er hier ständig nach dem schielte, was Partner Eric an der anderen Gitarre so spielte.
Auch sein Bühnengebaren zeigte, dass er halt nicht der Rocker ist, sondern eher ein Schöngeist. Ein Dichter mit Laute. Aber was soll’s, bei den Solos interessierte auch mich das keinen Zentimeter mehr. Was dieser Mann spielen kann, ist nicht von dieser Welt. Ich hatte bei den ersten drei Songs das Vergnügen die großartige Spieltechnik aus geschätzten 20 cm Entfernung zu bewundern und ich musste mich dann doch sehr beherrschen vor lauter Staunen das Fotografieren nicht zu vergessen.
Lässt man jetzt mal die kleineren Mängel außer acht und schaut auch über die gezeigten Allüren hinweg, kann man nur den Hut vor dieser Band und ihrer auch an diesem Abend wieder erbrachten Leistung ziehen. Knapp 90 Minuten Spielzeit, eine göttliche Setlist, viel Spielfreude und ein guter Sound kennzeichneten den Auftritt des Headliners. Auch wenn es keine Zugabe gab, am Ende wurde dann doch alles gut.
Setlist TESTAMENT
Over The Wall
Into The Pit
Apocalyptic City
Practice What You Preach
New Order
Electric Crown
More Than Meets The Eye
Low
Trail Of Tears
Henchmen Ride
Souls Of Black
The Preacher
D.N.R
3 Days In Darkness
Alone In The Dark
Disciples Of The Watch
Tja, an dieser Stelle hätte normalerweise etwas von “und so lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende” bzw. „und wir kamen alle gut heim“ stehen. Aber ab diesem Zeitpunkt nahmen die SPINAL TAP Momente erst richtig Fahrt auf.
Nachdem sich alle im Backstage Bereich gegenseitig auf die Schultern klopften und sich bestätigten wie toll doch alle waren, ich mit Bassist Thomas und Freundin noch ein Bierchen gezischt hatten, wurde sich artig verabschiedet und Gitarrist Gerd lud mich und Sänger Chris samt Frau ins Auto um die Heimreise anzutreten.
Dummerweise kam irgendjemand auf die Idee an einer Raststätte 127 Km vor Frankfurt halt zu machen, um Kaffee zu trinken. An und für sich kein großes Ding, hätte sich beim Versuch wieder los zu fahren nicht der Motor von Gerds Plymouth verabschiedet. Statt einem gepflegten brumm, brumm stieg dicker Rauch aus der Motorhaube. Echt super!
Eine halbe Stunde später schleppte uns dann ein Fahrer vom ADAC zu seinem Autofriedhof, nur um uns zu eröffnen, dass er uns jetzt nicht nach Frankfurt überführt, sondern sein Kollege aus Mannheim. Der müsste ja 6 Km weniger fahren als er. Allerdings würde der erst in einer Stunde kommen und er würde jetzt heimfahren. Wir müssten also im Auto draußen warten. Na vielen Dank auch. Zu dem Zeitpunkt war es schon 2 Uhr durch.
Nach einer wahren Odyssee, dem Abliefern des Autos samt Gerd, kam ich dann endgültig irgendwann morgens nach 7 Uhr zu hause an. Allerdings begrüßten mich dann direkt vor der Haustür netterweise ein paar Bauarbeiter mit dem Sound eines Presslufthammers. Einmal Strasse aufreißen für den übermüdeten Schreiberling. Vielen Dank auch. Wer jetzt lacht, darf das aber auch. Metal ist schließlich kein Kindergeburtstag und was wäre das Leben als Metaller ohne die großen und kleinen Anekdoten und Geschichten.
In diesem Sinne bis zur nächsten (Tor)tour von und mit COURAGEOUS.

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